Eine Bischofsweihe „der anderen Art“ im Jahr 1950 im Stephansdom
Eine bleibende Erinnerung an Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym im Dom
Als im April 1945 die Pummerin aus ihrem brennenden Glockenstuhl im Südturm mit schrecklichem Getöse in der Turmhalle zerschellte, beschädigten die brennenden Balken des Glockenstuhls das an der Westwand der südlichen Turmhalle, gegenüber dem Eingang zur Katharinenkapelle angebrachte Türkenbefreiungsdenkmal schwer. Heute können Besucherinnen und Besucher unter den Überresten des 1945 zerstörten Denkmals ein kunstvoll verfasstes lateinisches Chronogramm bewundern, welches der damalige Universitätsprofessor Dr. Franz Jachym 1947 anlässlich der Wiederaufstellung der Überreste des zerstörten Denkmals zusammengestellt hat: Die Buchstaben der Inschrift, die auch römische Zahlzeichen sind, ergeben zusammengezählt die Jahreszahl 1947.
Chronogramm Ein Chronogramm ist ein Satzteil, ein Satz, ein Sinnspruch oder eine Inschrift, meist ein Vers in lateinischer Sprache, in dem diejenigen Buchstaben, die auch als „römische Zahlzeichen“ gelesen werden können (I, V bzw. U, X, L, C, D, M), in ihrer Summe“ die Jahreszahl des Ereignisses angeben, auf das sich der Text bezieht. Dabei sollte jedem Buchstaben, der eine Entsprechung als römisches Zahlzeichen besitzt, auch tatsächlich eine Bedeutung für die Ermittlung der Jahreszahl zukommen.
Die Lyrikerin Paula von Preradovic, heute noch bekannt als Verfasserin der österreichischen Bundeshymne, hat den lateinischen Text einfühlsam ins Deutsche übersetzt. Er lautet:
„Einst in der türkischen Not zu Hilfe kam rettend Maria. Stolze Gestalten in Stein zeugten vom Dank ihrer Stadt. Nun da der furchtbarste Krieg zerstörte den Dom und das Denkmal. Jungfrau, Kaiser und Papst einzig verschonte der Brand. Innozenz sehet den Elften und Leopoldus den Ersten, Knieend mahnen sie euch: Lasset zu hoffen nicht ab! Nie wird in künftigem Sturm ihr betendes Wien sie verlassen, Österreichs Mutter, sie hilft, seid ihr nur stark und getreu.“
Dr. Franz Jachym war, wie er später in seinem Testament schreiben sollte, „die längste Zeit seines Lebens mit dem Dom zu St. Stephan verbunden“ gewesen. In diesem Dom sollte dann ein in der Geschichte der Kirche Wiens bisher noch nie dagewesenes Ereignis stattfinden.
LEBENSLAUF VON ERZBISCHOF FRANZ JACHYM
Franz Jachym wurde am 3. September 1910 im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten geboren. 1917 starb seine Mutter, 1918 sein Vater, 1920 sein Großvater. Die städtische Fürsorge brachte ihn zu den Barmherzigen Schwestern ins Internat in die Gebrüder-Lang-Gasse in Wien XV. Ab 1925 war er Schüler des Seminars Hollabrunn bis zur Matura im Jahr 1931. Vom Wiener Alumnat (ab Oktober 1931) aus studierte er Theologie an der Wiener Universität. Am 19. Juli 1936 wurde Franz Jachym zum Priester geweiht. Am 1. September erfolgte seine Ernennung zum Kooperator in Purkersdorf bei Wien. Anlässlich einer Visitation in Purkersdorf begegnete Kardinal Innitzer dem jungen Geistlichen und bestellte diesen im Herbst 1937 zu seinem Erzbischöflichen Zeremoniär.
Nach zehn Jahren rief ihn die Wissenschaft: 1947 erfolgte seine Ernennung zum Dozenten, 1949 zum Professor für Moraltheologie an der Universität Wien. Der Weg schien vorgezeichnet.
Am 23. Jänner 1950 wurde Univ.-Prof. Dr. Franz Jachym zum Titularerzbischof von Maronea und zum persönlichen Koadjutor (personae datus) für Kardinal Innitzer ernannt.
Am 23. April desselben Jahres trat er während seiner bereits in vollem Gang befindlichen Bischofsweihe im Dom zu St. Stephan zurück. Die im Dom versammelten Festgäste, mit dem Apostolischen Nuntius an der Spitze und Vertretern der Bundesregierung, glaubten sich verhört zu haben, als der Weihekandidat nach der Verlesung der Ernennungsbulle mit fester Stimme in wohlgesetztem Latein erklärte, von der nun folgenden Konsekration zurücktreten zu wollen.
Titularbischof
Ein Titularbischof (lateinisch: episcopus titularis) ist in der römisch-katholischen Kirche und ebenso in der orthodoxen Kirche ein geweihter Bischof, der im Unterschied zum Diözesanbischof keine eigene Diözese leitet, sondern andere Aufgaben oder Funktionen übernimmt.
Die Bezeichnung Titularbischof rührt daher, dass nach katholischer Tradition jeder Bischof zum Bischof eines Bistums geweiht wird. Ein Titularbischof ist daher Bischof eines historischen, aber untergegangenen Bistums.
Der Wortlaut seiner Erklärung in deutscher Übersetzung war folgender:
Eminenz, hochwürdiger Herr Kardinal! Nach den Überlegungen der letzten durchwachten Nächte fühle ich mich für das hohe Bischofsamt nicht genug geeignet und auch, wer würde denn als Priester anders und vermessentlich denken, nicht würdig genug. Ich bitte daher, von meinem Vorsatz zurücktreten zu dürfen und tue diese Bitte in aller Demut und Festigkeit. Ich empfehle mich der göttlichen Barmherzigkeit, die an diesem heutigen Sonntag besonders gefeiert wird und bitte den Klerus und das ganze Volk, meiner dauernd im Gebete zu gedenken, eure Eminenz aber bitte ich, in der feierlichen Messe vom Allelujavers fortzufahren.“
Koadjutor: personae datus oder sedi datus „
Koadjutor“ bedeutet lateinisch so viel wie „Beistand“. In der katholischen Kirche ist ein Koadjutor einer, der als Bischof einem anderen Bischof zur Seite gestellt wird, um ihn in seiner Arbeit zu unterstützen.
Er bat Kardinal Innitzer, „das Pontifikalamt beim Hallelujavers fortzusetzen“ und verließ unmittelbar danach, noch mit den bischöflichen Paramenten bekleidet, den Dom durch das Primtor, stieg in das dort bereits wartende Auto und fuhr in seine Privatwohnung nach Gumpendorf zu den Barmherzigen Schwestern und feierte dort in der Hauskapelle allein eine heilige Messe. Dieses noch nie dagewesene Ereignis sorgte nicht nur für mediale Schlagzeilen, sondern bot auch Nahrung für alle möglichen Vermutungen, Anfeindungen und Schmähungen.
Viele Vermutungen sind im Laufe der Jahre über die Hintergründe dieses weltweit aufsehenerregenden Ereignisses kolportiert worden, Erzbischof Jachym selbst hat Zeit seines Lebens darüber geschwiegen.
Möchte man dennoch eine Vermutung im Raum stehen lassen, könnte man seinem späteren ersten Sekretär folgen, der wörtlich meinte: „Sicher war es ein Schock für den alternden Kardinal, als ihm der damals 40-jährige Dr. Jachym als Koadjutor beigegeben wurde. Die übermittelte Bulle von Rom verfügte, daß der Kardinal ohne den Koadjutor keine selbständigen Entscheidungen in der Diözese mehr zu treffen habe. Die einzige Milderung dieser Maßnahme bestand darin, daß Dr. Jachym nicht das Recht auf die Nachfolge zugesprochen wurde.“
Tatsächlich hatte Kardinal Innitzer, der im Gefolge der sogenannten „Feierlichen Erklärung“ vom 13. März 1938, welche die gesamte Bischofskonferenz unterzeichnet hatte, nach Rom zitiert wurde, bis an sein Lebensende darunter gelitten, weil er sich von Rom überhaupt nicht verstanden wähnte. Aus heutiger Sicht muss dazu bemerkt werden, dass die Erklärung der österreichischen Bischöfe, die unter großem Druck, unter unehrlichen Voraussetzungen von Seiten der Gauleitung und praktisch alternativlos, erpresst worden war, der Kirche in Österreich paradoxerweise ein so von den Nationalsozialisten nicht gedachtes Mindestmaß an Bewegungsfreiheit ermöglichte.
Die schlüssigste Erklärung ist daher, wie so oft im Leben, wohl auch die einfachste: Franz Jachym – der die Zeit des Nationalsozialismus an der Seite Innitzers als Zeremoniär miterlebt hatte und der in den Wochen vor seiner Weihe genug Zeit hatte, um zu erkennen, wie tief der alte Kardinal sich durch die nicht besonders einfühlsame Vorgangsweise Roms verletzt fühlen musste – sah für eine gute Zusammenarbeit nur wenig Chancen und wollte daher ein deutliches Zeichen setzen, dass er mit den innerkirchlichen Intrigen gegen Kardinal Innitzer nichts zu tun hatte.
Dazu muss auch die persönliche Sicht des Kandidaten mitbedacht werden: Praktisch ohne Eltern aufgewachsen hatte der Bub schon sehr früh die Härte des Lebens erkennen müssen. Den alten Kardinal hatte er wie einen Vater verehrt. Er sprach noch Jahre nach dessen Tod vom „Vater Kardinal“. So konnte er den großen Schmerz, den Rom Innitzer durch diese Entscheidung bereitet hatte, wohl noch intensiver nachvollziehen und war nicht gewillt, bei dieser öffentlichen Demütigung aktiv mitzuwirken. Über die Art und Weise der Durchführung seines Vorhabens kann man daher diskutieren, die Zielrichtung seines Handelns aber war die einzig Richtige.
In der Folge wurde der (zunächst unwillige) Kandidat aber nach Rom beordert und empfing schließlich über ausdrücklichen päpstlichen Auftrag am 19. Mai 1950 doch noch die Bischofsweihe diesmal in der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell‘ Anima und wieder durch Kardinal Innitzer. Sein bischöflicher Wahlspruch lautete: „Sed in Deo“.
Schon in die Anfänge seiner Zeit fielen für Österreich bedeutsame Ereignisse: der Katholikentag von 1952 mit seinem Thema „Freiheit und Würde des Menschen“; die Gründung eines Diözesanfonds für Familienhilfe (1951), des Instituts für kirchliche Sozialforschung (1952) u. a. m. Das von ihm verfasste Weißbuch: „Staat und Kirche in Österreich“ (1955) stellt das neue Verhältnis von Kirche und Staat in Österreich klar auf den Tisch. Auf seine Initiative wurde ebenfalls 1955 die später so genannte „Kirchliche Aufbauanleihe“ gegründet, die zur Überwindung der Kriegsschäden an kirchliche Institutionen, Wohnbauvereinigungen und Krankenhäuser bis 1985 fast 1,7 Milliarden Schilling vergeben konnte.
EINE GUTE ZEIT FÜR DIE ERZDIÖZESE
Am 17. Juni 1956 begrüßte Jachym feierlich in St. Stephan Univ. Doz. Dr. Franz König, der bis zu diesem Zeitpunkt Bischof-Koadjutor von St. Pölten war, als neuen Erzbischof von Wien.
Franz König suchte als erste Amtshandlung ein ehrliches und klärendes Gespräch mit dem übergangenen Nachfolgekandidaten. Dessen Position in der Diözese wandelte sich mit dem 23. Juni desselben Jahres durch seine Ernennung zum Erzbischof-Koadjutor „sedi datus“, das heißt „dem Erzbischöflichen Stuhl von Wien beigegeben“.
Territoriale Neugestaltung der Erzdiözese in drei Vikariate 1969
Im Gefolge des zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) wurde die Erzdiözese in drei große Seel sorgebereiche (lateinisch: Vikariate) unterteilt: Das Vikariat Nord – „Unter dem Mannhartsberg“ – umschließt das Weinviertel und das Marchfeld;das Vikariat „Wien-Stadt“ umfasst die Städte Wien und Klosterneuburg; das Vikariat Süd – „Unter dem Wienerwald“ – umfasst das Industrieviertel südlich der Donau von Hainburg über Wiener Neustadt bis zur Buckligen Welt.Jedes Vikariat wird von einem Bischofsvikar verwaltet, der durch den Diözesanbischof eingesetzt wird.
Franz König gewann dadurch einen lebenslangen, treuen und vor allem loyalen Freund und Mitarbeiter, ein echtes „alter ego“ als Generalvikar. Für die Erzdiözese jedenfalls bedeutete die darauffolgende Zeit nur Gutes.
Jachym erfüllte auch dieses Amt mit derselben treuen Pflichterfüllung wie alle früheren Aufgaben, behielt mit Geduld und einer unglaublichen Sachkenntnis alle Details im Auge und verlor nie den Zusammenhang und die Übersicht in oft vor allem menschlich schwierigen Situationen. Als Mitarbeiter holte er den damaligen Pfarrer von Laa an der Thaya als Kanzler ins Ordinariat. Kanzler Dr. Krätzl sollte in der Folge Weihbischof und schließlich sein Nachfolger als Generalvikar werden.
Insgesamt war Franz Jachym 34 Jahre lang als Erzbischof-Koadjutor an der Seite von zwei Kardinälen tätig. War er dem einen, Theodor Innitzer, treu ergeben, mit allen schönen und schmerzlichen Seiten einer solchen Beziehung, so war er dem anderen, Franz König, in, im Laufe der Jahre stetig wachsender, gegenseitiger Achtung und Freundschaft verbunden. In der Folge wurde Franz Jachym neben der Weiterverfolgung seiner bisherigen vielfältigen Tätigkeiten auch mit der Leitung des Bauamtes der Erzdiözese beauftragt, das unter seiner Führung mit dem Bau von etwa 130 Kirchen und Seelsorgezentren erst seine wirkliche Bedeutung erlangte.
Erzbischof Jachym war ein dynamischer Organisator, nicht zuletzt aus diesem Grund ernannte ihn Kardinal König am 1. November 1968 zum Präsidenten der Wiener Diözesansynode, welche die Aufgabe hatte, die Beschlüsse des Konzils auf die Diözesanebene zu übertragen. So war es vor allem sein Verdienst, dass es ohne größere Spannungen gelang, das Leben der Kirche von Wien den Erfordernissen der Zeit im Sinne des Zweiten Vatikanums anzupassen.
1972 wurde er Dompropst von St. Stephan und, damit verbunden, Kanzler der Universität. In der Zeit des Konzils war er Mitglied mehrerer Konzilskommissionen. Im Rahmen der BIKO (Bischofskonferenz) war er Referent der katholischen Frauen.
In all diesen Jahren machte Erzbischof Jachym nach außen hin den Eindruck eines gesunden, starken Mannes und er wünschte auch, so gesehen zu werden. Aber ab dem Jahr 1980 zwang ihn ein fortschreitendes Herzleiden zu seinem wie er sagte geordneten Rückzug. Den Besuch von Papst Johannes Paul II. im Herbst 1983 erlebte Jachym noch als Koadjutor der Erzdiözese. Er versuchte, seine vielfältigen Aufgaben, die er im Laufe seines Lebens übernommen hatte, in jüngere Hände zu legen. Seine bischöflichen Aufgaben und Verpflichtungen hingegen erfüllte er weiter, soweit es seine Kräfte zuließen. In seinen letzten Lebenswochen im Herbst 1984 war er unermüdlich unterwegs: Kirchweihfest, Orgelweihe, Pfarrbesuche, am Vortag seines Todes die Einweihung des Altenheimes der Barmherzigen Schwestern in Gumpendorf. Am 29. November 1984 starb Erzbischof Jachym während der Eröffnung des Weihnachtsbazars der Caritas Socialis in Wien, nachdem er noch seine Eröffnungsansprache gehalten und mit fester Stimme daran erinnert hatte, über all dem Festtagstrubel nicht die Hungernden in Äthiopien zu vergessen. Am 6. Dezember erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch von Kardinal König seine Beisetzung in der Bischofsgruft zu St. Stephan.
In seinem Nachruf auf ihn sagte Kardinal König über seinen treuen Mitarbeiter, der sich einst selber gute Chancen auf den Wiener Erzbischöflichen Stuhl ausrechnen konnte und dennoch in selbstloser Weise ohne viel Aufhebens in die zweite Reihe trat: „Wenn ich heute im Rückblick daran denke, wie meine öftere Abwesenheit von Wien aufgrund verschiedener römischer Verpflichtungen und überdiözesaner Aufgaben, vor allem die Vorbereitung und Mitarbeit beim Zweiten Vatikanischen Konzil, das Sekretariat für die Nichtglaubenden, der Aufbau von Pro Oriente und vieles mehr – wie das alles zu noch größeren Schwierigkeiten hätte führen können, so muss ich dankbar feststellen, wie sehr sein Einsatz in der Diözese die Bedeutung seines Amtes als Koadjutor in der Tat herausstellte und wirksam werden ließ.“