Arbeit sehen, Arbeit denken
Arbeit bestimmt den Alltag. Sie bestimmt den Großteil des menschlichen Lebens. Arbeit legt fest, wie und mit wem der Großteil des Tages verbracht wird, wie viel Geld zur Verfügung steht, wie man sich selbst in der Gesellschaft sieht und gesehen wird.
Einem so zentralen Thema mussten wir im Dom Museum Wien förmlich eine epochenübergreifende Ausstellung widmen. Besonders, da wir als Institution mit kirchlichem Hintergrund der gesellschaftlichen, kulturellen und historischen Tragweite der Fragestellung eine weitere Lesart verleihen können.
In einer Zeit, in der die Rolle der Arbeit global wie individuell neu verhandelt wird, mit Stichworten wie „Künstliche Intelligenz“, „Arbeitsmigration“, „Care Arbeit“, wollen wir einen Raum eröffnen, in dem verschiedenste Perspektiven und künstlerische Zugänge aufeinandertreffen. Arbeit ist nicht nur ein politisch aktuelles, sondern auch ein existenziell aufgeladenes Thema, das sich tief in kulturelle, religiöse und soziale Deutungssysteme einschreibt. In Wien trifft dieser Diskurs auf ein kulturelles Gedächtnis, das durch das Rote Wien und seine sozialpolitischen Visionen bis heute nachwirkt.
Vor dem Hintergrund unserer sakralen Bestände und der biblischen Überlieferung entfaltet der Themenkreis zusätzliche Tiefenschichten, die ethische, ökonomische und gesellschaftliche Fragen berühren. Die kirchliche Soziallehre insgesamt und Einrichtungen wie die Caritas im Speziellen haben über Jahrhunderte hinweg Vorstellungen von Arbeit geprägt – nicht nur als Pflicht, sondern als Dienst am Mitmenschen, als Teil von Würde, Teilhabe und Solidarität. Diese Perspektive erweitert den kunsthistorischen Rahmen um eine ethisch-humanitäre Dimension, die sich in vielen Exponaten – direkt oder indirekt – widerspiegelt.
Als Plakatmotiv haben wir uns für Norbert Wagenbretts einprägsames Gemälde Bauarbeiter und Bauarbeiterin (1984) entschieden. Es zeigt zwei Figuren mit gelben Bauarbeiterhelmen in der Hand, die uns frontal ansehen – ernst, präsent und doch rätselhaft. Besonders überzeugte uns, dass hier beide Geschlechter dargestellt sind – gleichwertig, nebeneinander, ohne Klischees. Trotz des Bildtitels ist nicht eindeutig, ob wir Bauarbeiter:innen, Architekt:innen oder Planer:innen sehen. Die Kleidung ist neutral, der Stadtplan im Hintergrund öffnet vielfältige Assoziationen – von Struktur bis Orientierungslosigkeit. Die beiden stehen nicht mitten in der Arbeit, sondern in einem Moment des Innehaltens, vielleicht der Reflexion oder des Übergangs. Gerade diese Zwischenzeitlichkeit passt leitmotivisch zur Ausstellung: Bauarbeiter und Bauarbeiterin verkörpert kein Arbeitsideal, sondern eine offene Haltung zum Arbeiten selbst – als Frage, als Zustand, als etwas, das nicht immer sichtbar, laut oder eindeutig ist. Auf den Ausstellungstitel „Alles in Arbeit“ verweisen der Stadtplan im Hintergrund und die Baustellenattribute: Sie stehen sinnbildlich für das Unabgeschlossene, das Prozesshafte – sowohl im Leben als auch im Nachdenken über Arbeit selbst.
Die Ausstellung schlägt Brücken zwischen europäischen und außereuropäischen Perspektiven. Auch wenn der Schwerpunkt auf europäischen Werken liegt, werden diese immer wieder durch internationale Positionen ergänzt. Inmitten aktueller wirtschaftlicher Unsicherheiten versteht sich die Schau nicht nur als Spiegel historischer Entwicklungen, sondern als Beitrag zu einem offenen Dialog über gegenwärtige Herausforderungen und globale Verflechtungen. Eine sehr klare Art, diese Verflechtungen und die direkten ökonomischen Auswirkungen auf die darin beteiligten Menschen zu zeigen, gelingt dem britischen Künstler Oliver Walker. Seine sechsteilige Videoinstallation One Euro (2015) zeigt auf je einem Monitor Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt bei der Arbeit – genau so lange, bis sie einen Euro verdient haben. Während der Baumwollpflücker über eine Stunde im Einsatz ist, sieht man den Unternehmenschef eines globalen Konsumgüterkonzerns nur eine Sekunde. Ohne erklärenden Kommentar, allein durch den Faktor Zeit, macht das Werk drastisch erlebbar, wie ungleich Einkommen, Arbeitswert und Lebensrealitäten verteilt sind und wie tief diese Ungleichheit in globalisierten Produktions- und Konsumstrukturen verankert ist.
Ein besonderes Highlight von „Alles in Arbeit“ ist die Installation, die speziell für diese Ausstellung in einem kleinen Raum der Schausammlung mit Blick auf den Stephansplatz im Bereich „Schenken“ geschaffen wurde. Die Künstlerin Iris Andraschek hat eine eindrucksvolle, raumfüllende Intervention entwickelt, die anlässlich des traurigen Jubiläums des Dombrandes von 1945 entstanden ist. Ihre Arbeit thematisiert nicht nur den Wiederaufbau dieses bedeutenden Wahrzeichens Österreichs, sondern wirft auch einen kritischen Blick auf die damit verbundene Identität des Landes. Andraschek nutzt dafür verschiedene Materialien, darunter Ruß an der Wand, Fotos und Textfragmente, um eine vielschichtige Erzählung zu entwickeln. Zudem integriert sie Fragmente von Glasfenstern aus dem Stephansdom, die als Spuren der Geschichte fungieren. In enger Zusammenarbeit mit dem Domarchivar Reinhard Gruber und durch intensive Recherchen im Domarchiv ist ein spannendes Zeitdokument entstanden, das sowohl die physische als auch die emotionale Dimension der Wiederaufbauarbeit anspricht. Darüber hinaus thematisiert die Installation die schwierige, oft noch zu wenig reflektierte Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich und regt zur Arbeit an der Vergangenheit an.
Im Dom Museum Wien ist uns die Gegenüberstellung von Kunstwerken verschiedenster Epochen ein großes Anliegen. Durch diese dialogischen Setzungen werden beide Arbeiten – die historische wie die zeitgenössische – auf neue und andere Art lesbar, zeigen sich viele Themen als zeitlos und eröffnen sich neue Denkansätze. So präsentieren wir beispielsweise die zeitgenössische Malerin Anna Schachinger mit ihrer unkonventionellen Darstellung einer Madonna, die ihr Kind nicht umhüllt, sondern kämpferisch in die Höhe hebt, in der ehemaligen Kapelle im Bereich „Leben“, der vor allem Madonnen und Pietas zeigt. Damit schaffen wir einen Bezug zwischen der biblischen Thematik und der oft unsichtbaren Care-Arbeit von Frauen, die wir aus kuratorischer Sicht bereits in den Madonnenbildern angelegt sehen. Im Zuge der heurigen Arbeitsthematik heben wir ausgewählte historische Objekte der Schausammlung besonders hervor, darunter das karolingische Evangeliar, das im Raum der Domschätze präsentiert wird. Dieses Evangeliar ist ein Beispiel für die mühevolle und hochgeschätzte Arbeit des Schreibens und Abschreibens von Texten im Mittelalter, die in Klöstern in speziellen Skriptorien durchgeführt wurde. Im Bereich „Feiern“ zeigen wir eine mittelalterliche Kasel, die von einer Steinmetzbruderschaft gestiftet worden sein könnte. Die auf dem roten Seidensamtstoff dargestellten Baustellengeräte wie Rost und Steinzange symbolisieren die Arbeit der Steinmetze und wirken unter dem 200 Jahre später darauf applizierten Kreuz eigentümlich alltäglich. Diese Verbindung von sakraler und profaner Arbeit verdeutlicht, dass jede Tätigkeit eine spirituelle Dimension hatte und den gesellschaftlichen Status der Handwerker unterstrich.
Auch dem Nicht-Arbeiten wird in der Ausstellung Rechnung getragen. Unter dem Titel „Muße, Nichtstun, Protest“ lädt der hinterste Ausstellungsraum dazu ein, aus der Logik permanenter Leistung auszusteigen. Hier versammeln sich Werke, die bewusst Gegenbilder zum Arbeitsideal setzen: Pausen, Verweigerung, Unterbrechung – als Formen künstlerischer Reflexion und gesellschaftlicher Kritik.
Auch dafür kennt die Bibel Vorbilder – nicht zuletzt wird das Paradies unter anderem als ein Ort beschrieben, in dem nicht gearbeitet werden muss. Erst mit der Vertreibung aus dem Paradies wird harte körperliche Arbeit notwendig. Das Gemälde Frühling (Vertreibung aus dem Paradies) (nach 1576) von Jacopo Bassano zeigt im Vordergrund eine detaillierte, fast idealisierte Szene bäuerlicher Arbeit. Die Vertreibung hingegen findet nur klein in der Ferne statt. Die Verlagerung des biblischen Dramas in den Hintergrund lässt Arbeit als selbstverständliche, ja zivilisierende Praxis erscheinen – ein frühes Bild der Arbeitsgesellschaft.
Ein weiterer Akzent kommt mit einem Blatt aus Julius Schnorr von Carolsfelds Bibel in Bildern, das Gott nach vollendeter Schöpfung ruhend auf der Weltkugel zeigt. Es ist ein eindringliches Motiv des Innehaltens und ein kultureller Hinweis auf die Notwendigkeit, Grenzen zu setzen, Ruhe zuzulassen, auch im göttlichen Vorbild. So öffnet dieser Raum einen anderen Blick auf Arbeit: als etwas, das zugleich mit Pause, Widerstand, Spiel, Zweifel und Erschöpfung verbunden ist. Er fragt nicht nur, wie wir arbeiten, sondern auch, wo, warum und unter welchen Bedingungen. Vielleicht verlassen Besucherinnen und Besucher die Ausstellung mit einem Moment der Leichtigkeit oder mit einem geschärften Bewusstsein dafür, wie ungleich Arbeit auf dieser Welt verteilt ist: zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Sicherheit und Prekarität, Entscheidung und Zwang. Und vielleicht entsteht daraus die Frage, wie wir Arbeit in Zukunft anders denken – gerechter, solidarischer, menschlicher.
AUSSTELLUNG „ALLES IN ARBEIT“
Dom Museum Wien Stephansplatz 6, 1010 Wien
3. Oktober 2025–30. August 2026,
täglich 10:00–18:00 Uhr,
Donnerstag bis 20:00 Uhr, Feiertage geschlossen