Die historischen bzw. nicht mehr erhaltenen Glocken von St. Stephan
Der Wiener Stephansdom besitzt eines der größten Läuteensembles Europas und das größte Geläute Österreichs von insgesamt 21 Glocken neben der Pummerin. In diesem Beitrag werden jene Glocken vorgestellt, die durch den Brand von 1945 vernichtet und somit aus dem Gedächtnis verschwunden sind. Zusätzlich gilt das Augenmerk den erhaltenen historischen.
EINLEITUNG
Für die Gläubigen ist die Glocke ein Zeichen der Hoffnung und eine „Stimme von oben“. Sie verkündet die Uhrzeit ebenso wie die Auferstehung Christi. Für Literatinnen, Literaten, Philosophinnen und Philosophen, Bildhauerinnen und Bildhauer sowie Musikerinnen und Musiker aller Epochen war und ist sie eine Inspiration.
Unsichtbar für unsere Augen erklingen Glocken von den Höhen der Türme – bis heute ist ihr Klang täglicher Begleiter im Leben unserer Städte und Dörfer. In früheren Zeiten strukturierten Glocken den Tag vom Morgen bis zum Abendläuten in Arbeit und Gebet. Ihre Klänge trugen und tragen die Gebete der Menschen gleichsam zum Himmel und obwohl sie eigentlich den Frieden verkünden, wurden sie in Kriegszeiten auch zu Kanonen umgegossen.
Glocken spielten in früherer Zeit eine größere Rolle als heute. Sie begleiteten das Leben des Menschen von der Geburt bis zum Tod. Bei Brand oder Gefahr warnten die Sturmglocken die Bevölkerung, bei besonders freudigen Ereignissen erklangen sie zum Dankgesang des „Te Deum“. Aber sie regelten auch den Alltag und gaben mit ihrem Schlag die Uhrzeit bekannt. So ist es verständlich, dass von alters her den Glocken von St. Stephan ein besonderes Augenmerk geschenkt wurde. Sie gelten als „vox cathedralis“, als Stimme der Kathedrale. Kaiser Joseph II. antwortete 1782 auf die Anfrage des Erzbischofs, ob beim Besuch von Papst Pius VI. die Kirchenglocken geläutet werden dürfen: „Warum nicht? Die Glocken sind ja Ihre Kavallerie und Ihre Kanonen.“
In Europa enthalten Glockeninschriften meistens den Namen des Glockenpatrons, das Gussjahr und manchmal auch den Namen des Stifter oder des Gießers. Die ersten Inschriften auf Glocken wurden in romanischen Lettern angebracht. Erst mit der Anwendung der gotischen Schrift, vornehmlich zu Beginn des 16. Jahrhunderts, tauchen hie und da deutsche Inschriften und Texte auf. Auf den ältesten Glocken findet man meist weder Jahreszahl noch Gießernamen, deren Gussjahr zu ermitteln ist daher schwierig. Ob bereits die 1147 geweihte Stephanskirche über Glocken verfügte, darüber gibt es keine schriftlichen Quellen, es ist aber stark anzunehmen.
DIE 1945 ZERSTÖRTEN GLOCKEN VON ST. STEPHAN
Die Halbpummerin
Diese Glocke wurde auch „Johannesglocke“ genannt und hing im unausgebauten Turm. Sie war bis 1711 die größte Glocke von St. Stephan.
Halbpummerin
Nordturm Durchmesser: 259 cm
Gewicht: 11.887 kg
Tonlage: e
Klang: hell
Toncharakter: Septglocke
Gegossen: 1472 von Felix Fabian, 1558/59 von Urban Weiß umgegossen 1945 vernichtet
Der Curpriester Joseph Ogesser berichtet 1779, dass sie 1472 von Felix Fabion gegossen wurde und damals 160 Zentner gewogen hatte. 1479 wurde sie in den Hohen Turm aufgezogen. Zum Aufziehen der Glocke erhielten der Meister Christon von Stockhach, sein Vetter und sein Knecht sogar ein eigenes Festgewand. Mitte des 16. Jahrhunderts zersprang die Glocke und wurde 1558 „stückweise“ herabgelassen, das heißt, sie wurde im Turm zerschlagen und die Trümmer wurden anschließend hinuntergeworfen. Urban Weiß goss sie 1559 um, dabei gab er den Stücken der ersten Glocke 4.850 Pfund Erz bei. Danach hing sie zeitweise auf dem Friedhof, bevor sie 1579 erneut in den Turm gebracht und feierlich eingeweiht wurde. Die Glocke war reich verzert und trug religiöse Bildnisse sowie Inschriften. Ihr Klang wurde als besonders rein und gut beschrieben. Sie wurde zu wichtigen kirchlichen Anlässen, Festtagen und Begräbnissen geläutet. Außerdem erklang sie auch bei besonderen liturgischen Feiern im Dom. Die Johannesglocke wurde schließlich beim Dombrand zerstört und ist heute nur noch historisch Versierten bekannt.
Die Viertelpummerin
Sie war die drittgrößte Glocke von St. Stephan und wurde laut Hans Tietze (1931) auch neue Glocke“ genannt. Sie hing im südlichen Heidenturm und wurde somit Opfer der Brandkatastrophe von 1945.
Geschmückt war die Glocke von 1772 mit Reliefdarstellungen der alten Glocke (1619), diese trug die Wappen des Bürgermeisters Daniel Moser, des Kirchenmeisters Paul Hirsch und des Kirchenschreibers Johannes Nieslar. Die Inschrift begann mit den Worten: „Der Name des Herrn sei gepriesen. Von nun an bis in Ewigkeit“ und berichtet dann, dass diese Glocke aus der alten, die unter der Regierung von Kaiser Franz Joseph I. entstanden war, neu gegossen wurde, damit sie klanglich besser zu den anderen Glocken passte. Geweiht hat sie Fürsterzbischof Cölestin Josef Ganglbauer 1884. Geläutet wurde sie bei besonderen Hochämtern.
Viertelpummerin
Südlicher Heidenturm
Durchmesser: 202 cm
Gewicht: 4.480 kg
Tonlage: a
Klang: hell
Toncharakter: Septglocke
Gegossen: 1619 von Georg Wenig, 1681 von Balthasar Herold, 1772 von Franz Joseph Scheichel und 1884 in Wiener Neustadt von Peter Hilzer umgegossen 1945 vernichtet
Die Fürstenglocke
Fürstenglocke
Südlicher Heidenturm
Durchmesser: 159 cm
Gewicht: 2.469 kg
Tonlage: c/1
Klang: hell
Toncharakter: Septglocke
Gegossen: 1279 von Konrad aus München, 1509 von Ladislaus Raczko und 1772 von Franz Joseph Scheichel umgegossen 1945 vernichtet
„Ich aus Erz zu Gottes Ehr gegossene Glocke künde niemals Eitelkeiten: entweder Krieg oder Festlichkeit, Feuer oder Leichenfeier.“ – Diese aus dem Jahr 1279 stammende Inschrift auf der 1945 zerstörten Fürstenglocke von St. Stephan weist eindrücklich auf Funktion und Bedeutung der Glocke hin. Sie wurde auch „Zwölferin“ (sie läutete zum Angelus um 12:00) genannt und nur bei besonderen Hochämtern und am Sonntag zur Segensandacht geläutet.
Uhrschälle
Turmhelm des Südturms
Durchmesser: 149 cm
Gewicht: ca. 1.500 kg
Tonlage: cis/1
Klang: hell
Toncharakter: Oktavglocke
Gegossen: 1449 von Jakob Straiffing und Peter Obrecht Die Uhrschälle im Turmhelm des Südturms schlägt zur vollen Stunde.
DIE ERHALTENEN HISTORISCHEN GLOCKEN VON ST. STEPHAN
Die Uhrschälle
Die Uhrschälle hängt heute noch in der Turmspitze des Südturms, die vom Brand verschon geblieben ist. Sie ist nicht läutbar und dient nur dem Stundenschlag. Die gotische Minuskelinschrift ist nur teilweise lesbar.
Es handelt sich bei der Uhrschälle um die einzige tatsächlich erhaltene Glocke aus gotischer Zeit (die anderen wurden neu gegossen). Die lange Inschrift auf der Glocke ist nicht zu entziffern.
Die Feuerin
Die Feuerin wird auch Ratsglocke genannt und ist die größte Glocke im nördlichen Heidenturm. Sie war stets bei einem Brand in der Stadt zu hören. Die alte Inschrift wurde beibehalten, sie lautet: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Heilige Maria. Gegossen im Jahre des Herrn 1453, die Kirche hat mich erneuert 1857 und wiederum im Jahre 1879.“ Laut Joseph Ogesser – zu seiner Zeit hing diese Glocke im Hohen Turm rührt der Name Ratsglocke daher, dass mit ihr nach dem Ende der Ferien für den Stadtrat das Zeichen zur Ratssitzung gegeben wurde. Früher wurde sie täglich im Sommer um halb 7, im Winter um 7 Uhr geläutet, und zwar zum Gedenken daran, dass 1683 um diese Zeit die christlichen Heere angerückt waren, um die von den Osmanen belagerte Stadt Wien zu befreien. Sie läutete auch an allen Sonn- und Feiertagen um halb 8 Uhr zur Predigt und an allen Sonntagnachmittagen zur Litanei, „die auf dem Graben bei der Säule der heiligsten Dreyfaltigkeit wegen abgewandter Pest, die 1679 in dieser Stadt grausam gewütet hat, zur Danksagung gehalten wird“. (Ogesser, Joseph: Beschreibung der Metropolitankirche zu St. Stephan in Wien. Herausgegeben von einem Priester der erzbischöflichen Kur. Wien 1779, S. 52.) Bis 1960 wurde sie als Aveglocke (zum Gebetläuten) verwendet, heute ist sie zum Gedenken an die Todesangst Christi jeden Donnerstagabend nach dem Betläuten zu hören.
Feuerin
nördl. Heidenturm
Durchmesser: 140 cm
Gewicht: 1.750 kg
Tonlage: es‘ + 0
Klang: hell
Toncharakter: Septglocke
Gegossen: 1453 von Thomas Kren, umgegossen 1857 von Ferdinand Gößner in Wien-Simmering und neuerlich 1879 Die Feuerin wurde früher bei einem Brand in der Stadt geläutet.
Die Kantnerin
Diese Glocke ist angeblich bereits 1404 entstanden und wurde 1772 von Franz Scheichel umgegossen. Sie rief die Kantoren zum Gottesdienst. Sie wurde auch „Genannten“-Glocke bzw. „Stürmerin“ genannt. Es ist möglich, dass es sich bei der in der Kirchenmeisteramtsrechnung aus dem Jahr 1404 erwähnten Glocke um sie handelt. Johannes Matthias Testarello della Massa bezeichnet sie 1685 als „Gnandt“. An ihr sind vier Bild-Medaillons angebracht und das Wappen des Bürgermeisters Christoph Hayden. Die Inschrift lautet: „Herr verschone dein Volk, das Jesus Christus durch sein Blut gerettet hat“ sowie „Franz Joseph Scheichel goß mich in der Leopoldstatt“. Verwendet wurde sie zu Segensandachten unter der Woche, heute erklingt sie als „Asperges-Geläute“ vor der Vesper am Samstag und am Sonntag.
Kantnerin
nördl. Heidenturm
Durchmesser: 129 cm
Gewicht: 1.250 kg
Tonlage: es‘ + 2
Klang: hell
Toncharakter: Septglocke
Gegossen: spätestens 1552 von Urban Weiß, umgegossen 1772 von Franz Joseph Scheichel in Wien-Leopoldstadt Die Kantnerin rief in alter Zeit die Kantoren zum Gottesdienst.
Die Fehringerin
Die Fehringerin stammte ursprünglich aus dem Jahr 1457 und wurde 1772 von Franz Josef Scheichel umgegossen. Die Deutung des Namens ist unklar, vermutlich leitet er sich von der Stifter-Familie ab. Sie wurde am Sonntag zum Hochamt geläutet, heute ist sie zur Vesper am Samstag und am Sonntag zu hören.
Fehringerin
nördl. Heidenturm
Durchmesser: 111,5 cm
Gewicht: 750 kg
Tonlage: ges‘ + 4
Klang: hell
Toncharakter: Septglocke
Neuguss: 1772 von Franz Joseph Scheichel in Wien-Leopoldstadt Die Bedeutung des Namens „Fehringerin“ ist unklar. Das Relief soll angeblich den Glockengießer Franz Joseph Scheichel zeigen.
Geschmückt wird sie von der Jahreszahl 1457, von Reliefs des heiligen Stephanus und des heiligen Laurentius und von zwei nicht identifizierbaren Bildern, wobei eines ein Selbstporträt des Glockengießers Franz Joseph Scheichel sein könnte. Die Inschrift lautet: „Singt dem Herren ein neues Lied, sein Lob in der Kirche der Heiligen“ sowie „Franz Joseph Scheichel goß mich in der Leopoldstatt 1772″.
Bieringerin
nördl. Heidenturm
Durchmesser: 99 cm
Gewicht: 530 kg
Tonlage: as’ + 7
Klang: hell
Toncharakter: Septglocke
Gegossen: 1546, 1772 von Franz Joseph Scheichel in Wien-Leopoldstadt umgegossenDie alte Bierglocke läutet auch heute noch während des Steffl-Kirtages die Sperrstunde ein.
Die Bieringerin
Die Bieringerin signalisierte früher abends die Sperrstunde in den Bierstuben im Umkreis des Domes. Ende des 17. Jahrhunderts wurde diese Glocke im Winter um 8 Uhr, im Sommer um 9 Uhr abends geläutet, später um 10 Uhr. Außerdem war sie sonntags zum Hochamt sowie am Samstag und am Sonntag zur Vesper zu hören.
Sie entstand 1546 unter Umschmelzung einer älteren Glocke und wurde 1772 von Franz Joseph Scheichel umgegossen. Heute läutet sie die Sperrstunde um 22 Uhr beim Steffl-Kirtag ein und erklingt zur Vesper am Samstag sowie am Sonntag.
Churpötsch
nördl. Heidenturm
Durchmesser: 79 cm
Gewicht: ca. 290 kg
Tonlage: c“ + 11
Toncharakter: Septglocke
Klang: hell
Gegossen: 1772 von Franz JosephScheichel in Wien-LeopoldstadtDie Churpötsch wurde von den Seelsorgern von St. Stephan zu Ehren des Gnadenbildes von Maria Pócs gestiftet.
Die Churpötsch
Die Churpötsch wurde zur Rosenkranzandacht geläutet. Der Name rührt wohl von einer Stiftung der erzbischöflichen Curpriesterschaft (Seelsorger der Dompfarre) zu Ehren des Gnadenbildes von Maria Pócs her. Sie ist geschmückt mit Bildern der Heiligen Johannes von Nepomuk, Joseph, Antonius von Padua und Anna Selbdritt. Die Inschrift lautet: „Zum Lob Gottes, Friede den Menschen, Heilung der Kranken, Ruhe den Verstorbenen!“ sowie „Franz Joseph Scheichel goß mich in der Leopoldstatt 1772“.
Früher wurde sie als Zügenglöcklein und am Abend als „Arme-Seelen-Glocke“ verwendet, heute erklingt sie zur Vesper am Samstag und am Sonntag sowie an Feiertagen.
Speisglocke
Südturm
Durchmesser: 73,5 cm
Gewicht: 233 kg
Tonlage: h1
Gegossen: 1613, 1746 Johann Joseph Pfrenger in Wien Die Speisglocke wurde als Totenglocke verwendet.
Die Speisglocke
Die 1613 vom Wiener Ratsherrn Thomas Ring gestiftete Glocke diente einst dem Läuten bei Versehgängen: Wie der Chronist Joseph Ogesser berichtet, wurde sie mit dreimaligem Absetzen geläutet, wenn der Priester die Kommunion („die heilige Speise“) zu einem Kranken brachte. Sie wurde mit zweimaligem Absetzen geläutet, wenn er sie zu einem Sterbenden brachte.
1746 wurde die Glocke vom Glockengießer Johann Josef Pfrenger in ihre heutige Form umgegossen und hing seither im Turmhelm des hohen Turms, gemeinsam mit der Zügenglocke und den beiden Schlagglocken. Am 16. März 1942 erklang sie letztmals, zwei Tage später wurde sie wie viele andere Wiener Kirchenglocken für Kriegszwecke abmontiert. Sie entging dem Einschmelzen, kehrte allerdings 1946 beschädigt nach St. Stephan zurück und wurde als stummes Museumsstück vor die neue Pummerin im Nordturm gestellt.
Mehr als acht Jahrzehnte nach ihrer Beschädigung im Zweiten Weltkrieg kehrte die sogenannte Speisglocke in den Stephansdom zurück. Dank einer großzügigen anonymen Spende an den Verein „Unser Stephansdom“ konnte die historische Glocke restauriert werden und ist nun wieder an ihrem angestammten Platz im Südturm zu hören. Die Glockengießerei Grassmayr restaurierte die 233 Kilogramm schwere Glocke (Ton h1, Durchmesser 73,5 Zentimeter). Mit der Rückkehr der Speisglocke ist das 22 Glocken umfassende Geläut des Doms wieder vollständig funktionsfähig.
Zügenglocke
nördl. Heidenturm
Durchmesser: 65 cm
Gewicht: 158 kg
Tonlage: es’’ -3
Gegossen: 1707, 1830 von Bartholomäus Kaffel in Wien neu gegossen Die alte Zügenglocke wurde auch vor einer Hinrichtung geläutet.
Zügenglocke
Ebenfalls ursprünglich im Hohen Turm hing die „Zügenglocke“ (1707 gegossen, 1830 umgegossen), die die Gläubigen zum Gebet für die „in den letzten Zügen Liegenden“ aufforderte. Diese Glocke läutete man auch, wenn Verurteilte zur Richtstätte geführt wurden, weshalb sie auch „Arme-Sünder-Glocke“, „Gerichtsglocke“ oder „Diebsglocke“ genannt wurde.
Am 18. März 1942 wurde sie vom Hohen Turm abgenommen und an der Reichsstelle für Metalle abgeliefert. Sie konnte am Lagerplatz in Wien 20 identifiziert werden und wurde am 18. Jänner 1946 zum Dom zurückgebracht und mittags ins Riesentor eingestellt.
Nach vielen Jahren als stumme Zeugin des Dombrandes vor der neuen Pummerin aufgestellt, erfolgte ihre Reaktivierung.
Kleine Glocke
nördl. Heidenturm
Durchmesser: 62 cm
Gewicht: 212 kg
Tonlage: g’’ + 8
Klang: unklar
Toncharakter: Oktavglocke
Gegossen: unbekannt, vermutlich im 13. Jahrhundert
Die Kleine Glocke ist die älteste erhaltene Glocke von St. Stephan.
Die Kleine Glocke
Die sogenannte „Kleine Glocke“ hat durch den Transport ins Glockenlager den Brand ebenfalls überstanden. Sie gilt als älteste Glocke von St. Stephan bzw. der Stadt Wien überhaupt und kann aufgrund ihrer Form ins 13. Jahrhundert datiert werden. Möglicherweise war „Meister Konrad von München“ der Glockengießer. Es finden sich keine Inschriften und Bilder auf ihr. Früher wurde sie beim Vollgeläute verwendet. Auch sie wurde am 16. März 1942 vom nördlichen Heidenturm abgenommen und an die Reichsstelle für Metalle abgegeben, am 18. April 1945 auf dem Lagerplatz in Wien 20 als Eigentum des Stephansdomes beansprucht und dorthin zurückgebracht.
Seit wenigen Jahren läutet sie wieder zur Vesper. Dass diese Glocke wieder erklingen kann, ist unserem Domkapellmeister zu verdanken.
Das Primglöcklein
Die kleinste Glocke dient nach wie vor als Uhrglocke und hängt schwer zugänglich hoch oben im Turmhelm des Südturms und schlägt zu den Viertelstunden. Über das Primglöcklein gibt es eine Reihe von Geschichten. Ihr Name rührt von der ersten kanonischen Tagzeit, der „Prim“, her. Es rief die Chorherren zum Gebet in den Dom. 1547 wird es als „Preimglöckel“ bezeichnet. Ogesser erzählt, dass damals eine Krankheit in Wien wütete, die man „Bräune“ nannte. Angeblich wurde diese Glocke geläutet, um zum Gebet zur Abwehr der Plage zu rufen. Mit ihr wurde auch abends das Zeichen zum Anzünden der Laternen gegeben.
DIE STIMME DES DOMES: DIE PUMMERIN
Die berühmte Pummerin ist die bekannteste Glocke und gilt als bedeutendes Symbol der Stadtgeschichte.
Ihr Ursprung geht auf die Zeit nach der zweiten osmanischen Belagerung Wiens 1683 zurück. Als Dank für die Befreiung Wiens beauftragte Kaiser Joseph I. 1710 den „kaiserlichen Stückgießer“ Johann Achammer, für den Dom eine große Glocke zu gießen, weitere Auftraggeber waren Fürstbischof Ferdinand von Rummel und die Stadt Wien.
Die alte Pummerin
Südturm
Durchmesser: 313,6 cm
Gewicht: samt Helm und Schwengel: 22.512 kg, ohne: ca. 19.000 kg
Tonlage: H
Klang: unrein (Die Glocken wurden damals nach Gewicht, nicht nach Klang gegossen.) Gegossen: 21. Juli 1711 von Johann Achamer in Wien-Neubau 1945 wurde sie vernichtet.
Für den Guss der Pummerin stellte der Kaiser 200 erbeutete osmanische Kanonen bereit, die sich in den verschiedenen Zeughäusern befunden hatten. Normalerweise werden in Kriegszeiten Glocken zu Kanonen umgegossen, im Fall der Pummerin aber wurden Kanonen, Zeugen des Krieges, zu einer Glocke, einem Symbol des Friedens, umgearbeitet.
Die über 30.000 Pfund schwere Glocke wurde anschließend mit großem Aufwand in den Dom transportiert und im Südturm aufgehängt. Aufgrund ihres tiefen Klanges erhielt sie im Volksmund den Namen „Pummerin“. Sie erklang nur zu besonderen Anlässen, etwa bei kaiserlichen Ereignissen, hohen kirchlichen Festen oder bedeutenden Begräbnissen.
Über Jahrhunderte hinweg entwickelte sich die Pummerin zu einem identitätsstiftenden Klang für Wien. Beim Brand des Stephansdoms im April 1945, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde die ursprüngliche Glocke zerstört. Teile ihres Materials wurden später für den Neuguss verwendet.
Im Zuge des Wiederaufbaus von St. Stephan entschied sich das Bundesland Oberösterreich, die neue Pummerin zu stiften und in der Glockengießerei St. Florian herstellen zu lassen. Der erste Guss am 26. Oktober 1950 misslang aufgrund einer nicht vorhersehbaren Dehnung des Mantels. Der zweite Guss am 5. September 1951 fand in aller Stille und ohne Prominenz statt und brachte ein höchst befriedigendes Ergebnis.
Nach ihrer Triumphfahrt von Oberösterreich nach Wien weihte der damalige Erzbischof von Wien, Kardinal Theodor Innitzer, am 26. April 1952 die neue Pummerin der Gottesmutter Maria, „damit durch ihre mächtige Fürbitte Friede sei in Freiheit“. Im selben Atemzug fand die feierliche Wiedereröffnung des Albertinischen Chores durch Kardinal Innitzer statt.
Zunächst wurde die Pummerin provisorisch im Bauhof der Dombauhütte auf einem Holzgerüst zur Besichtigung aufgestellt und bei besonderen Anlässen der Klöppel händisch betätigt.
In den folgenden Jahren wurde auf dem Nordturm die „Welsche Haube“ in einer modernen Stahlbetonkonstruktion wieder errichtet. Nach einem Festakt am 3. Oktober 1957 wurde die Pummerin auf einem Tieflader durch das für diesen Zweck erweiterte Riesentor in den Dom geführt und in schwieriger und aufregender Arbeit nach Entfernung des Gewölberinges zentimetergenau in den Nordturm aufgezogen. Am Sonntag, dem 13. Oktober weihte Erzbischof Dr. Franz König den neuen Turmhelm und den Glockenstuhl; während der Messe, nach dem Evangelium, erklang die Pummerin erstmals von ihrer endgültigen Heimstätte aus. Der Neuguss der Pummerin in Zusammenhang mit der Vollendung der Aufbauarbeiten am Albertinischen Chor und der Wiedereröffnung des gesamten Domes erregte das besondere Interesse weitester Kreise der österreichischen Bevölkerung und darüber hinaus vieler – nicht nur benachbarter Länder.
Die größten Glocken Österreichs
1. Pummerin im Wiener Stephansdom mit 21.383 kg
2. Salvatorglocke im Salzburger Dom mit 14.256 kg
3. Friedensglocke von Mösern in Tirol mit rund 10.200 kg
4. Schützenglocke der Jesuitenkirche in Innsbruck mit 9.200 kg
5. Angstglocke im Stift St. Florian mit 8.643 kg
6. Rupertusglocke im Salzburger Dom mit 8.273 kg
7. Immaculata im Linzer Dom mit 8.120 kg
8. Peter- und Paulsglocke im Stift Melk mit 7.840 kg
9. Maria Rochus Glocke im Katzenturm von Feldkirch mit 7.506 kg
10. Marienglocke im Schloss Esterhazy mit 7.200 kg
Neue Pummerin (Marienglocke)
Nordturm
Durchmesser: 314 cm
Höhe: 292 cm
Gewicht: 21.383 kg
Tonlage: c“ + 4
Klang: harmonisch
Gegossen: 5. Sept. 1951 in St. Florian, Oberösterreich
Die Pummerin läutet
• zum Jahreswechsel
• zur Osternachtfeier
• zum Ostersonntag
• zum Domweihefest (23. April)
• am Pfingstsonntag
• zu Fronleichnam
• am Nationalfeiertag (26. Oktober)
• zu Allerseelen
• am Hl. Abend nach der Ersten Vesper
• am Hl. Abend zu Beginn der Mette
• am Christtag
• am Stephanitag – Patrozinium
• zur Jahresschlussandacht
Die Pummerin wiegt 21.383 kg, hat einen Durchmesser von 314 cm und samt Krone eine Höhe von 294 cm. Ihre größte Wandstärke beträgt 23 cm, ihr ornamentaler Schmuck besteht aus sechs Türkenköpfen auf den Armen der Henkelkrone und drei Bildreliefs: der Gottesmutter (eine Nachbildung des Bildes auf der alten Pummerin), einer Szene aus der Türkenbelagerung von 1683 und dem Dombrand 1945.
Die Inschrift zum Türkenrelief besagt in deutscher Übersetzung: „Gegossen bin ich aus der Beute der Türken, als die ausgeblutete Stadt nach tapferer Überwindung der feindlichen Macht jubilierte. 1711.“ Die zum Brand gehörende Inschrift lautet: „Geborsten bin ich in der Glut des Brandes. Ich stürzte aus dem verwüsteten Turm, als die Stadt unter Krieg und Ängsten seufzte. 1945.“
Die Weiheinschrift heißt: „Wiederhergestellt unter Kardinal Dr. Theodor Innitzer, über Bemühung von Heinrich Gleißner, durch den Werkmeister Karl Geisz; geweiht der Königin von Österreich, damit durch ihre mächtige Fürbitte Friede sei in Freiheit. 1951.“ Oberhalb der Weiheinschrift befindet sich das Wappen der Republik Österreich, unterhalb eine Kombination aus verschiedenen Wappen. Bei der Pummerin, Schlagton c plus 4/16 (vier Sechzehntel eines Ganztones), handelt es sich um eine einwandfreie Oktavglocke mit Mollterz und vollkommen ausgeglichener Innenharmonie. Auch die Länge des Nachhalls von ca. 200 Sekunden beweist die Güte der Form und die Homogenität des Gusses.
Neben den festgesetzten Anlässen läutet die Pummerin auch bei der bestätigten Todesnachricht des Papstes, bei der bestätigten Nachricht, dass ein neuer Papst gewählt wurde, bei der bestätigten Todesnachricht des Erzbischofs bzw. Alterzbischofs und bei der hernach bestätigten Ernennung des neuen Erzbischofs. Zusätzlich bei der Amtsübernahme eines neuen Erzbischofs, bei einer Bischofsweihe während der Handauflegung sowie beim Requiem für einen verstorbenen Dompfarrer, wenn der Sarg in die Gruft bzw. aus dem Dom getragen wird. Darüber hinaus gab und gibt es besondere Anlässen, bei denen die Pummerin auf Wunsch des Erzbischofs bzw. auf Anordnung des Kirchenmeisters erklingen kann.
Trotz aller Bedeutung der Pummerin als Symbol Österreichs sollte nicht vergessen werden, dass sie in erster Linie „Marienglocke“ ist.
Die Pummerin steht bis heute nicht nur für religiöse Tradition, sondern auch für die bewegte Geschichte Wiens und den Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Krieges.
Reinhard H. Gruber, MA, Domarchivar zu St. Stephan
NÄHERE INFORMATIONEN INKLUSIVE DES FESTGELÄUTES VON 1960
Reinhard H. Gruber, Die Glocken von St. Stephan. Eine Zusammenschau, in: Karin Domany, Johann Hisch (Hg.), Der Stephansdom. Orientierung und Symbolik, Wien 2010, S. 213–245.Jörg Wernisch, Glockenkunde von Österreich, Lienz 2006.Zahlreiche Bilder und Klangbeispiele finden sich auf den Seiten der Wiener Dommusik im Internet: https://www.wiener-dommusik.at.